Eisenberg, Thüringen
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Die Tafel – ein Hausbesuch

Politik im Ehrenamt.

Die Tafel – ein Hausbesuch

Seit einigen Monate sehe ich verstärkt das Auto der Eisenberger Tafel. Das liegt zum einen daran, dass wir durch unseren Umzug nun näher an der Tafel wohnen und zum anderen auch, dass ich mehr auf soziale Projekte im Saale-Holzland-Kreis achte, seit ich Mitglied des Sozialausschusses bin. Bei den Geraer Angeboten kenne ich mich aus beruflichen Gründen recht gut aus. Im SHK lerne ich jeden Tag dazu.

Die Eisenberger Tafel unterstützt nicht nur Menschen in und aus Eisenberg. Auch in Hermsdorf gibt es einmal pro Woche eine Lebensmittelausgabe. Dort habe ich heute zwischen zwei Terminen gemeinsam mit meiner sehr geschätzen Genossin Erika Hänseroth aus unserem Kreisvorstand kurz vorbei geschaut und bin mit den Mitarbeiterinnen ins Gespräch gekommen.

Um bei einer Tafel Lebensmittel bekommen zu dürfen, muss man sich dort anmelden. Voraussetzung dafür ist in der Regel der Nachweis über ein geringes Einkommen. Klassischerweise betrifft das Menschen, die ALG 2 oder Grundsicherungsleistungen nach SGB XII beziehen. Die Anzahl der in Hermsdorf angemeldeten Personen hat sich innerhalb der letzten Jahre massiv erhöht. Aktuell sind knapp 70 Personen dort registiert. Ca. 25 Menschen nutzen das Angebot der Tafel regelmäßig wöchentlich. Viele andere kommen eher sporadisch, „wenn es eng wird“. Häufig bleibt vielen Menschen die Sozialleistungen beziehen so wenig Geld übrig, dass sie garnicht anders können, als die „übriggebliebenen“ Lebensmittelspenden aus den Supermärkten, die über die Tafel ausgegeben werden in Anspruch zu nehmen. Die Gründe für solche prekären Situationen sind vielfältig, die finanziellen Belastungen jedoch fast immer die selben. Gestiegene Energiepreise, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, völlig realitätsfremd berechnete Sozialhilfesätze.

Schauen wir uns mal den Regelbedarfssatz für 2022 an:

Quelle: https://www.hartziv.org/news/20211010-hartz-iv-regelsatz-2022-nun-amtlich.html

Ab 01.01.2022 stehen Erwachsenen 449 EUR Regelbedarf zu. Davon sind 155,82 EUR für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren vorgesehen. Das sind 5,19 EUR pro Tag. Für Wohnungsinstandsetzung und Energie werden 38,07 EUR pro Monat angesetzt. Wenn man sich die Entwicklung der aktuellen Energiepreise anschaut und bedenkt, dass sich viele Empfänger*innen von Sozialleistungen viel häufiger in ihren Wohnungen aufhalten als Erwerbstätige und dort auch zwangsäufig mehr Energie verbrauchen, erkennt man schnell, dass allein diese Berechnungsgrundlagen hinten und vorn nicht mehr stimmen.

Aus meiner beruflichen Erfahrung weiss ich, dass eine alleinstehende Person in einer kleinen Wohnung sehr energiesparend agieren muss, um weniger als 40 EUR Energiekosten im Monat zu haben. Dies würde sicher mit modernen Kühlschränken, Waschmaschinen und TV-Geräten zu schaffen sein. Empfänger*innen von Grundsicherungsleistungen haben leider nicht die Mittel, um sich neue Elektrogeräte mit Energielabel A++ anzuschaffen. Es bleiben häufig ältere Gebrauchtgeräte aus Sozialkaufhäusern oder von Kleinanzeigenmärkten.

Die Folge ist: Der reale Bedarf an Energiekosten liegt in der Regel bei ca. 45 EUR pro Monat. Allein diese knapp 7 EUR Mehrkosten fehlen dann beispielsweise beim Lebensmitteleinkauf oder bei der Bekleidung.

Um einigermaßen über die Runden zu kommen braucht es leider das Angebot der Tafeln in ganz Deutschland. Die Eisenberger Tafel hat aktuell das Problem, dass der betagte Kühltansporter seit diesem Jahr weg gefallen ist. Der Kleintransporter ist teilweise mit dem Einsammeln und Ausliefern der Lebensmittelspenden überfordert. Unter https://www.gofundme.com/f/khltransporter-fr-die-tafel-eisenberg läuft eine Spendenaktion – leider sehr schleppend.

Weiterhin – und das konnten wir heute in Hermsdorf live erleben – werden vorrangig Backwaren, Obst und Gemüse gespendet. Lebensmittel wie Butter, andere Molkereiprodukte, Wurst oder auch mal Süßigkeiten waren nicht dabei. Wer also die Arbeit der Tafeln vor Ort unterstützen möchte, kann gern Kontakt dorthin aufnehmen und evtl. beim nächsten Wocheneinkauf mal etwas mehr mitbringen.

Das eigentliche Problem

Das eigentliche Problem mit den Tafeln wird dadurch allerdings nicht gelöst. Das Problem sind nicht die Tafeln, sondern die immer größer werdende Spanne zwischen arm und reich und somit die Notwendigkeit, dass Menschen zur Tafel gehen müssen. So lange es sich unser Staat aber leistet, dass Banker mit ihren CumEx-Geschäften unsere Steuergelder in Milliardenhöhe stehlen, gilt weiterhin das, was Bert Brecht schon 1934 geschrieben hat:

Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Bert Brecht

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