Eisenberg, Thüringen
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Werkstatt-Treffen

Politik im Ehrenamt.

Werkstatt-Treffen

Seit Mitte 2021 sitze ich im Kreistag des Saale-Holzland-Kreises und dort auch im Sozialausschuss.

Dazu gehört für mich auch, dass ich mich nach und nach mal im Bereich “Soziales” im Landkreis umschaue. Als rechtlicher Betreuer habe ich in Gera sehr viel mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen zu tun. Nun möchte ich meine Wissenslücken in meinem eigenen Kreis auffüllen und habe heute die ASB Holzlandwerkstätten in Bad Klosterlausnitz besucht.

Die Leiterin Frau Kirchner hat sich eine reichliche Stunde Zeit für ein ausführliches Gespräch genommen und mir dann noch eine Stunde Zeit für einen Rundgang gegönnt.

Erst einmal vielen Dank dafür und auch für die offenen Worte der Mitarbeiter:innen!

Es ist scheinbar sehr selten, dass sich jemand “von außen” für die Arbeit in den WfbM und auch deren aktuelle Situation interessiert. Dabei findet am Standort Bad Klosterlausnitz eine wichtige Arbeit für ca. 160 Beschäftigte statt. Mehrfach wurde mir erklärt, dass die Menschen “draußen” garnicht wissen, welche qualifizierte Arbeit in der Werkstatt abgeliefert wird. Diese Erfahrung habe ich in Gera auch gemacht.


Es werden nicht Tüten geklebt oder Besen zusammen geschraubt. Die Aufträge für die Mitarbeiter:innen dort kommen von Firmen aus der Umgebung und es müssen die selben Qualitätsrichtlinien eingehalten werden, wie von Menschen ohne Behinderung in den eigentlichen Betrieben.

In Gesprächen in einer Gruppe wurde ich aber auch mit Ängsten konfrontiert, dass die Werkstätten geschlossen werden könnten. Die klassischen Werkstatt-Konzepte passen nicht mehr in die UN-Behindertenrechtskonvention und es gibt tatsächlich Forderungen von Verbänden, das Werkstatt-System abzuschaffen, weil dieses eher exklusiv und nicht inklusiv ist. Auf dem Papier betrachtet ist das auch so.

Viele Werkstätten – und eben auch der ASB im Landkreis – haben sich allerdings bereits auf den Weg gemacht, ihre Arbeit auf moderne Füße zu stellen. Über Praktika und Außenarbeitsplätze wird verstärkt versucht, Menschen mit Behinderung (wieder) auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Der Mensch und dessen Wünsche werden noch mehr in den Mittelpunkt gerückt.


Aber genau deswegen muss bei all den Vorgaben der UN-BRK immer auf den Einzelfall geschaut werden.

Es gibt viele Menschen, die aus verschiedenen Gründen eben nicht (mehr) auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können. Dort herrscht der normale Druck unserer Leistungsgesellschaft und diesem sind Menschen mit kognitiven Einschränkungen bzw. psychischen oder körperlichen Behinderungen oft nicht gewachsen. Die Folge, diesem Druck nicht standhalten zu können, ist, dass Menschen mit Behinderung ihre Beschäftigung wieder verlieren. Wer einmal aus dem System raus ist, sitzt zu schnell zu hause und vereinsamt. Gerade auf unseren Dörfern im Landkreis hat man dann wenig Chancen, wieder unter Menschen zu kommen. (Ergänzung dazu weiter unten)

Für diese Personen braucht es den “Rückzugsort” und auch das Sicherheitsnetz der Werkstätten. Denn diese sind mehr als Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen. Dort findet soziale Interaktion statt, Tagesstruktur, sinnhafte Tätigkeit – aber auch Freizeitgestaltung und nicht zuletzt Freundschaften.


Es muss in Zukunft beides geben:
Einerseits Werkstätten für die, die genau das für sich benötigen und andererseits eine gute Integration und mehr Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Es gibt Modelle wie das “Budget für Arbeit”, um Betriebe bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu unterstützten. Dies kann über Lohnzuschüsse und sozialpädagogische Unterstützung erfolgen. Scheinbar ist das aber noch längst nicht überall angekommen.

In der letzten Kreistagssitzung hatte ich um Beantwortung gebeten, wie oft dieses Budget im Landkreis bisher beantragt worden ist und wie viele aktuell bewilligt sind. Die ernüchternde Antwort: 1 Antrag und keine Bewilligung.

Hier liegt noch eine Menge Arbeit vor uns allen, um Verständnis füreinander zu fördern und für jede:n das passende Förderangebot zu ermöglichen. Das alles kostet Geld und wird in Zukunft auch sicher nicht billiger werden.


Eine Gesellschaft muss sich aber daran messen lassen, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Wenn zuerst an eben diesen Schwächsten gespart werden soll, oder diese gegeneinander ausgespielt werden, dann läuft bei uns grundlegend etwas falsch.


(Ergänzung zum Thema Vereinsamung auf den Dörfern) Vergrößert wird das Problem natürlich durch unseren – sagen wir mal – verbesserungswürdigen und nicht gänzlich barrierefreien Nahverkehr im Landkreis. Wenn man im Rollstuhl sitzt hat man keine Chance spontan mit dem nächsten Bus irgendwo hin zu kommen. Erstens gibt es auf den Dörfern kaum barrierefreie Bushaltestellen und zweitens fahren die Busse häufig nur zweimal täglich. Der Weg von Kahla in die Kreistadt wird so zum Mammutaufgabe. Echte selbstbestimmte Teilhabe ist so kaum möglich.


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