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Zum Statement der Landesschulelternsprecher Sachsen

Politik im Ehrenamt.

Zum Statement der Landesschulelternsprecher Sachsen

Vor ein paar Tagen haben die Schulelternsprecher des Freistaates Sachsen ein Statement zur Nutzung von Schulturnhallen als Flüchtlingsunterkünfte veröffentlicht. Dies habe nicht nur ich sehr kritisch gesehen.

Die Elternvertretung eines sächsischen Gymnasiums hat sich nun ebenfalls klar gegen den Standpunkt der Landeselternsprecher positioniert. Dieses Statement unterstütze ich sowohl als Privatperson als auch als Kreiselternsprecher der Grundschulen im Saale-Holzland-Kreis.

An dieser Stelle veröffentliche ich den offenen Brief der Elternvertreter des Marie-Curie-Gymnasiums Dresden:

Lieber Landeselternrat,

Wir sind Eltern von Schülern des Marie-Curie-Gymnasiums Dresden – einer von 13 UNESCO-Projektschulen des Landes Sachsen. Ein zentraler Aspekt des Schulalltags unserer Einrichtung zielt auf den Abbau von Vorurteilen und Feindbildern. Deshalb haben wir mit großer Bestürzung Ihre Stellungnahme vom 04.10.2015, die auch in unserem Namen verfasst wurde, zur Kenntnis genommen. Mehr noch, wir lehnen wesentliche Punkte der Stellungnahme ab und sind nicht bereit diese unkommentiert, als Position aller sächsischen Eltern stehen zu lassen.

Zu 1.) Die große Anzahl geflüchteter Menschen, die in den letzten Wochen und Monaten in unser Land gekommen sind, stellt alle von uns vor besondere Herausforderungen. Vielen Menschen müssen oft sehr kurzfristig untergebracht werden. In den meisten Kommunen stehen keine Immobilien sofort dafür bereit. Die Ausweichmöglichkeit eines Zeltlagers steht auf Grund der Jahreszeit nicht mehr zur Verfügung. Wir sind uns sicher, dass die Verwaltung des Freistaates Sachsen nicht leichtfertig auf Schulsporthallen – insbesondere solche im aktiven Schulbetrieb – zurückgreifen wird. Das wird immer die letzte Möglichkeit sein und nur in engen Grenzen erfolgen. Insofern ist die Nutzung schulischer Gebäude und Einrichtungen durch geflüchtete Menschen weder unkontrollierbar noch stellt sie ein Risiko dar.

Zu 2.) Aus unserer Erfahrung fällt durch geplanten Lehrermangel sehr viel Unterricht aus. Selbst wenn nur ein einziger Lehrer an einer Schule krank ist oder aus anderen Gründen fehlt, kann oftmals keine Vertretung sicher gestellt werden. Dieser Unterrichtsausfall beunruhigt uns weitaus mehr, weil er in der Planung absehbar ist und von vornherein billigend in Kauf genommen wird. Im Gegensatz dazu wird durch die gemeinsame Nutzung von sanitären Einrichtungen einer Sporthalle kein Unterricht verhindert.

Zu 3.) Speziell Kinder denken nicht in Schubladen. Sie sehen ihr Gegenüber nicht als „Ausländer“ oder „Behinderten“. Sie sehen ein Kind, eine Frau, einen Mann. Warum machen wir uns diese Offenheit nicht zu eigen, warum begreifen wir sie nicht auch als Chance unsere eigenen Vorurteile zu überwinden und Ängste abzubauen? Unsere Kinder können eine Chance für uns alle sein, weil sie ohne Vorbehalte auf Menschen zugehen.

Warum fragen wir uns nicht, weshalb manche Mitmenschen Flüchtlinge als Gefahr begreifen? Sicher kann die Unterbringung vieler Menschen auf kleinem Raum ohne Privatsphäre zu Konflikten führen. Das ist menschlich und nicht spezifisch für Geflüchtete.

Führende Politiker in unserem christlich orientierten Land – allen voran unsere Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel – fordern Weltoffenheit von uns. Diese aber ist unvereinbar mit Mauern – weder zwischen Ländern noch in Köpfen.

Die unterschwellige Drohung ihrerseits, dass ein zukünftiger Landeselternrat eventuell wesentlich radikaler wäre, als Sie das sind, ist inakzeptabel.

Zu guter Letzt:
Die Unterbringung der geflüchteten Menschen ist eine Ausnahmesituation. Und als solche erfordert sie von allen Beteiligten Flexibilität. Diese Menschen sind hier in Deutschland. Egal wie sehr sich viele wünschen, es wäre nicht so. Es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Wir können uns wehren, in eine ablehnende Haltung flüchten. Damit werden jedoch die Schwierigkeiten der Unterbringung und Integration nicht kleiner. Im Gegenteil – sie werden sich vergrößern. Die geflüchteten Menschen werden unter sich bleiben. Die Gefahr, dass Parallelgesellschaften entstehen wird größer, weil ihnen niemand hilft in Deutschland zurecht zu kommen. Alternativ können wir uns öffnen und Kontakt zu den Menschen suchen, ihnen unser Land vorstellen, unsere Gepflogenheiten nahe bringen, unsere Regeln zeigen und ihnen unsere Sprache vermitteln.

Von vornherein vor Menschen zu kapitulieren, die Flüchtlingsunterkünfte angreifen, geflüchtete Menschen bedrohen und den Rechtsstaat ablehnen, darf nicht in Betracht gezogen werden. Im Gegenteil – es zeigt wie wichtig es ist unseren Kindern humanistische Werte zu vermitteln. In der Schule geht es nicht nur darum, dass der Lehrstoff vermittelt wird, der in den Lehrplänen enthalten ist. Es geht auch darum unsere Kinder zu Toleranz, Weltoffenheit, Neugierde und Nächstenliebe zu erziehen. Das ist nicht einfach und erfordert viel von uns allen. Aber es abzulehnen und der gemeinsamen Aufgabe zu verweigern ist keine Option!

Dr. Thomas Hamann
Anja Hamann
Thomas Grundmann
Fam. Sönnichsen
Ali Mahmoud
Ulrike Caspary
Elke Langdon
Tatjana Lehmann
Inge Baader
Susann Domschke
Fam. Peuker
Kati Bischoffberger
Susanne Schulze
Katja Zettl
Jens Lehmann
Annie Münch

Dresden, 07.10.2015

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